Die deutsche Justiz hat ihren ersten eigenen Anti-Terrorprozess überstanden. Mit vollem Erfolg wie es scheint.
Fraglich bleibt nur, ob die mediale Reflexion und die journalistisch-kritische Distanz nur noch leere Worthülsen sind.
Einige Zitate:
“Der moderne deutsche Rechtsstaat inszeniert sich ohne Prunk, ohne Pathos [...]. In Düsseldorf ist der Beton mild gestrichen, hellgrau. Ratio statt Rache.” (Quelle: Tagesspiegel)
Ich sehe Bilder, höre Soundtrack und sehe eine gute Kamerafahrt. Das ist Kino, ich bin auf der Berlinale oder bei der Oscar-Verleihung. Ich verlasse den juristischen Raum, bin angekommen in der Kunst. Der Text schwebt zwischen lyrischer Überhöhung und der Gattung Filmkritik.
“Die Coolness lädt das Drama auf, in passender Kulisse. ” (Quelle: Tagesspiegel)
“Wir müssen mit Erschrecken erkennen, dass die Geißel unserer Zeit, die ungeheure Bedrohung der internationalen Staatengemeinschaft, nämlich der weltweite islamistische Terrorismus, weiter um sich greift und inzwischen junge Menschen erfasst, die in westlicher Kultur aufgewachsen sind und – wovon man eigentlich glaubt ausgehen zu können – von Wertvorstellungen westlicher, europäischer Gesellschaften geprägt wurden. Aber ganz offenbar hat der gewaltbereite Islamismus zunehmend auch auf junge Menschen in unserer Gesellschaft eine verheerende Anziehungskraft [...]” (Aus dem Manuskript des Vorworts der Urteilsbegründung via law blog)
Auch hier habe ich das Gefühl, ich sei in einem der patriotischsten Filme, die die amerikanische Traumfabrik seit langem geschaffen hat. Das gesamte Vorwort hat einen Unterton, ist in einem tonalen Pathos getragen, der laut Medienberichten nicht im Tonfall des Richters zu hören War. Distanziert und neutral vorgetragen habe dieser seine Worte.
“Die Stimme ist unverändert geschäftsmäßig. Als rede ein leicht näselnder Roboter.” (Quelle: Tagesspiegel)
Ich frage mich, was ich verpasst habe. Ich frage mich, wie auch das Gericht, das eigentlich genug Zeit gehabt hätte dem Zeitgeist verfallen ist und nicht über das Vorzutragende reflektiert hat. So ist diese Rhetorik geprägt von einer diffusen Angst, von einer Sicherheitsideologie, wie sie den Menschen von Meinungsmachern seit nunmehr fast zehn Jahren implementiert wurde. Es erinnert an den geschockten Staat, die geschockte Justiz im Deutschen Herbst.
Es ist erschreckend. Die Frage ist jedoch, was mehr erschreckt? Die Worte des Richters? Die mediale Überhöhung seiner Person? Die fehlende Reflexion der Journalisten?
“Den letzten Akt im Prozess gegen die vier jungen Terroristen der Sauerlandgruppe [...] hätte Stanley Kubrick inszeniert haben können.” (Quelle: Tagesspiegel)
