Es ist Nacht. Aus einer großen Kohleschale steigt dichter, weißer Rauch auf und verweht im Wind. Es riecht nach Weihrauch. Von Kerzenlicht beschienen sitzen vier Frauen und ein junger Mann in einem Kreis und spielen auf ihren Instrumenten. Flötenklänge, leise Harfenmusik, eine Gitarre eine Trommel und eine Laute vermischen sich zu mittelalterlichen Melodien. Dazu singt eine rundliche, sehr gemütlich aussehende Frau Lieder über die vier Elemente. Etwa zehn Personen blicken gebannt und schweigend auf das Ritual, das sich vor ihren Augen abspielt. Neben mir steht eine Elfe: Riella. Es ist der zweite Abend eines Liverollenspiels und die Handlung der in den letzten 30 Stunden erlebten Geschichte neigt sich ihrem Ende zu.
Doch der Reihe nach. Einen Tag vor diesem Ritual fahre ich mit dem Auto durch den Odenwald. Ich will mich mit Tina treffen. Die 28-Jährige ist Liverollenspielerin und übers Wochenende wird sie in die Rolle der Elfe Riella schlüpfen um verschiedene Abenteuer zu erleben. Seit Anfang der 90er Jahre hat sich dieses Hobby in Deutschland immer weiter verbreitet. Inzwischen gibt es an jedem Wochenende im Jahr mehrere solcher Veranstaltungen. Die Teilnehmer treffen sich, um interaktiv eine Geschichte zu erleben. Beinahe so, wie in einem Computerspiel. Der Unterschied zum Spiel am Computer ist jedoch, dass die Spieler die Dinge tatsächlich erleben und die Handlung der Geschichte beeinflussen können. Obwohl es sich zeigt, dass man eine gehörige Portion Phantasie braucht, wenn man an einer solchen Veranstaltung teilnimmt.
Tina, die später im Spiel Riella heißen wird, empfängt mich, nachdem ich den Veranstaltungsort, eine Hütte im Odenwald erreicht habe. Gedrungen duckt sich die Waldhütte unter die Nadelbäume. Um das Gebäude mit dem moosbewachsenen Holzdach herum stehen fünf Zelte aus schwerem, weißen Stoff und ein großer Gartenpavillon. Die Zelte sehen aus, als wären sie aus einem mittelalterlichen Ritterlager, der Pavillon hingegen passt nicht ganz ins Bild. Dennoch liegt über dem ganzen Platz etwas Unwirkliches. Auch wenn direkt neben dem Platz eine Straße durch den Wald führt. Tina umarmt mich zur Begrüßung. Das scheint völlig normal zu sein, da hier offenbar jeder so begrüßt wird. Die junge Frau zeigt mir meinen Schlafplatz für die kommenden beiden Nächte. Ich bin im größten Zelt untergebracht. Das Zelt, das so größer ist als ein mittelgroßes Wohnzimmer, ist unerwartet gemütlich und warm. Eine leuchtend orange Gasflasche, die in der Zeltecke versteckt ist, liefert den Brennstoff für die Zeltheizung.
Tina, im echten Leben Bibliothekarin, wird also später die Elfe Riella spielen. Jeder Spieler schlüpft während des Spiels in eine bestimmte Rolle, die er sich selbst ausgedacht hat. Der Name, die Rasse, oder die Frage, ob der Charakter ein Krieger oder ein Magier ist, alles das steht auf einem Charakterbogen, den der Spieler ausfüllen muss. Zum Liverollenspiel gehört viel Fairness. Es gibt zwar die Veranstalter, die sich die Geschichte ausgedacht haben und sich um die Versorgung der Teilnehmer kümmern. Aber die Teilnehmer bestimmen selber welche Fähigkeiten sie im Spiel haben. Mit der Zeit lernen die Charaktere im Spiel nach bestimmten Regeln neue Fähigkeiten. Dabei ist es den Spielern überlassen, ob sie die Regeln die es gibt beachten, oder nicht.
„Alles was Du nachher machst, machst Du im Spiel. Egal, ob Du etwas sagst, kämpfst oder ob du isst“, erklärt Tina einem breitschultrigen Mittzwanziger, der zum ersten Mal auf einem Liverollenspiel ist. Ein anderer Spieler zeigt dem Anfänger dann noch nach welchen Regeln auf dem der Veranstaltung gekämpft wird. Die Waffen, das sind Schwertatrappen aus festem Schaumstoff, der mit Latexfarbe bemalt wurde. So sehen die Waffen aus einiger Entfernung sogar recht realistisch aus. Wird ein Spieler später von einer Waffe getroffen, muss er seine Spiel-Verletzungen glaubwürdig darstellen. Dafür bedarf es Phantasie und einem gewissen schauspielerischen Talent.
Tina hat sich inzwischen umgezogen und sich spitze Elfenohren aus Latex angeklebt. Die Ohren sehen aus, wie die von Mr. Spock aus „Raumschiff Enterprise“. Damit und durch die mit Fell verzierte Kleidung ist aus der Bibliothekarin Tina die Elfe Riella geworden. Um die Hüften hat sie einen Stoffgürtel gebunden. Kleine, schwarze Rabenfedern, die sie in den kommenden Tagen überall verlieren wird, sind durch silberne Ringe am Gürtel befestigt. Mit den Federn zeigt Riella auch, dass sie nicht nur eine Elfe ist. „Riella wird von ihrem Lehrmeister im Spiel zur Schamanin ausgebildet“, erklärt Tina mir, kurz bevor das Spiel losgeht. Für die nächsten eineinhalb Tage sind wir jetzt nicht mehr im Odenwald, sondern in dem phantastischen Inselstaat Atvia.
In der Geschichte, die die Spieler erleben geht es um einen dunklen Halbgott, der vor langer Zeit aus dieser Welt verbannt wurde und nun zurückgekehrt ist. Um ihn zu besiegen benötigen die Spieler allerlei Hilfsmittel, die sie von verschiedenen Figuren in der Spielwelt erhalten. Diese Rollen werden von sogenannten Nichtspieler-Charakteren dargestellt. Das sind Teilnehmer, die all die Rollen spielen, auf die die Spieler treffen; sozusagen Statisten. Alle Hinweise die von den Spieler n zum Lösen der Geschichte benötigt werden, kommen von diesen Figuren. Und manchmal sind es einfach nur Räuber, die die Spieler im Wald überfallen.
Nach etwa dreißig Stunden ist der dunkle Halbgott wieder vertrieben und die Spieler feiern bei Kirschwein, Bier und Met in der Taverne. Die Barden spielen ihre Lieder und erst im Morgengrauen geht auch Riella ins Zelt um zu schlafen. Am nächsten Morgen ist sie wieder Tina.
Nach zwei Tagen Abenteuer, regennasser Kleidung, Adrenalin und Getränken aus Holzbbechern frage ich Tina, wo der Unterschied zwischen ihr und ihrer Rolle Riella liegt. Bevor sie sich auf den Weg macht zurück zu ihrem Mann und ihrem normalen Leben antwortet sie: „Da gibt es Leute, die würden sagen, es gibt gar keinen so großen Unterschied zwischen mir und meinem Charakter.“